Die Diagnose

Nun hatten wir also einen Termin in 6 Monaten in der Klinik und in 6 Wochen bei einem erfahrenen Psychiater. Da dieser aber über 300 km weit weg war, haben wir mit ihm vereinbart, das er uns vorab einige Fragebögen zuschickt und wir diese ausgefüllt zurückschicken. Dazu sollten wir auch schon im eine Art Lebenslauf schreiben, wo wir auffällige Begebenheiten zu jedem Alter erzählen sollten. Ich dachte, das mache ich mal eben, aber im Endeffekt, wurden 15 Seiten daraus, weil uns beim Schreiben immer mehr einviel, was uns “ anders“ vorkam.

Ist das “ normal“ wenn man bei jedem neuen Kleidungsstück erst erzählt bekommen muss, dass dies bald getragen werden soll. Dann es sich ein paar Tage nur ansieht, um es dann vielleicht mal kurz anzuprobieren? Dies ist immer so, bei jeder Winterjacke, die im Herbst aus dem Schrank kommt oder jeder Sandale, die im Sommer da steht… Wieviele Kleidungsstücke wurden anprobiert und dann nach dem ersten waschen in hohem Bogen schreiend, zappelnd weggeworfen, da irgendetwas Unbehagen auslöste, – sehr viele.

Essen ist auch seit Jahren ein schwieriges Thema. Er hat seine 10 Sachen, die er mag,- fertig. Mehr bräuchte er nicht. Dann gibt es aber auch noch Zeiten, da ist er etwas Neues und dann dies für Wochen am liebsten 3x am Tag, bis es dann nicht mehr angefasst wird. Vieles wird nicht einmal näher angesehen oder gar probiert. Da stimmt schon das Aussehen nicht. Er schüttelt und ekelt sich, dies kann man ihm ansehen. Das ist kein,-“ ich will mit dem Kopf durch die Wand „!

Er mochte es schon immer, das sein Tag entspannt ist und er genau weiß, was auf ihn zukommt. Dies gilt auch für seine ganze Woche. Jegliche Veränderung oder neues können ihn aus der Ruhe bringen und oft wurde er zb nach Feiern oder Ausflügen krank. Dies musste uns aber erst einmal auffallen. Vor einer Unternehmung fragte er immer sehr viel, wollte genau wissen, was, wann, wo, wie lange, wer kommt,…. stattfindet. Wenn es bei uns zuhause war und wir ihm versicherten, das er jederzeit gehen darf, ging dies alles besser.

Wenn bei Situationen, die er kennt, sich etwas verändert, überfordert ihn dies auch. Wenn in der Schule zb ein Schüler hinfällt, ein neuer Lehrer Vertretung macht, jemand ihn schupst, etwas kaputt geht, sie in einen anderen Klassenraum müssen, es plötzlich Gewitter gibt, er etwas verloren hat, ….. wurde es schwierig. Von diesen unvorhergesehenen Momenten gibt es ja immer viele. Für die meisten, ist dies nicht der Rede wert, für ihn eine Katastrophe bis hin zu, er wird körperlich krank und liegt einige Tage im Bett.

Gespielt hat er auch oft anders, keine Rollenspiele oder Phantasiespiele. Er konnte stundenlang Lego aufbauen nach Anleitung. Er hat so eine ganze Stadt gebaut, Straßen dazwischen gelegt und auch mal ein Auto von A nach B gefahren, aber ansonsten musste die Stadt nur einfach da stehen und keiner durfte es anfassen. Auch ein Haus nocheinmal abzubauen und neu aufzubauen, weil er ja gerne baute, wollte er nicht. “ Warum sollte ich das noch einmal bauen“? „Ich kaufe mir lieber ein neues“!

Was gut ging, waren früh schon Brettspiele, auch schon welche, die für viel ältere Kinder oder Erwachsene empfohlen wurden, waren kein Problem. Da gibt es ja klare Regeln, man weiß, wer was macht und los geht es… .

Wir mussten ihm immer schon alles in klaren Worten sagen, sonst verstand er nicht, was gemeint war. Sprichwörter haben wir mit ihm eingeübt. Probleme gab es in der Schule, wenn dort Textaufgaben, Gedichte oder sonstige “ Blumige“ Texte bearbeitet werden sollten. Die Aufgabe an sich war einfach, aber verstehen, was er machen soll, sehr schwer. Ich denke, er hat ein paarmal nachgefragt und entweder lachte die Klasse oder der Lehrer meinte, das er dies ja selber wissen muss. Dann fragt man nicht mehr, sondern baut Angst auf und weiß nicht, warum er das nicht versteht.

Als er klein war, wurden immer die selben Bücher angesehen und die selben Videos angeschaut oder Kassetten angehört. Manchmal anstrengend für uns.

Den Wunsch mit anderen Kindern zu spielen, hatte er von sich aus noch nie. Wenn Freunde ihre Kinder mitbrachten, konnte er mal kurz mit ihnen etwas spielen. Aber am ehesten in unserer Nähe oder draußen im Garten. Am liebsten guckten die zusammen was im Fernsehen, das war am unverfänglichsten. Gut klappte es mit Kindern, die sich auch für Fußball interessierten. Da konnte man einfach Fußball spielen.

Auffällig war auch, das er erst sehr spät und wenig geredet hat, vieles zeigte er uns mit seinen Händen. So machten sich viele um uns herum Sorgen. Wir nicht, da wir uns verstanden und ihm die Zeit liesen. Nicht jeder muss ja den ganzen Tag quasseln. Er konnte ja sprechen und Hörproblemen hatte er auch keine, denn wenn man zb eine Bonbontüte leise Aufriss, stand er schon neben einem…. . Auch redete er mit 5 viel, wenn es ein Thema war, das ihn interessierte,- Fußball. Damit war eine, seine größte Leidenschaft geboren, bis heute. Danach wird die Woche geplant und ausgerichtet. Wenn ein wichtiges Spiel kommt, kann man nichts anderes machen. Wenn seine Mannschaft unvorhergesehen verliert, wird er auch schonmal krank. So kann man sich stundenlang mit Tabellen, Spielzügen, Aufarbeitung von den Spielen…beschäftigen. Dazu spielt er selber bei uns im Garten und auch auf der Xbox. Auch sonst ist Sport sein Thema und es wird viel darüber gelesen und angesehen. Dies hat es ihm auch erleichtert mit den Jungen bis Klasse 7-8 klar zu kommen.

So sind wir dann gut vorbereiten zu dem ersten Termin, der 2 Stunden dauerte gefahren. Dort machten wir noch einen Test ( Marburger ) am Computer, der schon eindeutig zeigte, das er Asperger ist. Aber wir Eltern redeten auch alleine mit dem Psychiater und danach auch unser Sohn. Zum Schluss saßen wir noch einmal alle zusammen und er meinte, es wäre sehr wahrscheinlich, das er ein Asperger Kind sei. Er würde aber noch einmal nach dem nächsten Termin alles auswerten und uns dann die Diagnose zuschicken. So erklärte er uns auch, das unser Sohn begleitend eine Somatoforme Störung hat, also das er durch Stress körperlich krank wird und auch eine soziale Ängstlichkeit, also ihn anderen Menschen überfordern, weil er sie nicht einschätzen kann und er dadurch Angst aufgebaut hat. Nach dem nächsten Termin bekamen wir also eine schriftliche Diagnose. Soweit konnten wir dies alles nachvollziehen und bestätigen. Dies war erst einmal eine große Erleichterung.

Aber was er uns dann als Therapie vorschlug und das er sich weigerte uns eine längere schriftliche Stellungnahme zu schreiben, fanden wir doch sehr merkwürdig. Er meinte, er würde das persönlich mit dem Therapeuten besprechen. Dies wollten wir aber so nicht.

Was aber nun?

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